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Martin Stather

Eingriffe - Zur Kunst Johannes Pfeiffers

Die Kunst im ausgehenden 20. Jahrhundert hat sich intensiv mit der Frage nach dem Wesen des Kunstwerks befasst, mit der Frage, was Kunst eigentlich ausmacht. Vielerlei Antworten sind darauf gegeben, verschiedene Aspekte der Erwartungshaltung gegenüber der Kunst herausgearbeitet worden. Möglichkeiten wurden ausgelotet, sich von solchen Vorgaben und Erwartungshaltungen zu lösen und im besten Sinne etwas Eigenständiges, Autonomes zu schaffen, das sich diesen entzieht. Dabei kommt dem Ort der Kunst, dem Ort, an dem Kunst sich manifestiert und in Diaglog mit dem Rezipienten tritt, ein gewichtiger Stellenwert zu. Johannes Pfeiffer hat sich immer Orte für das Geschehen seiner Kunst gesucht, die ihn auf irgend eine Art und Weise gereizt haben, die sein Gespür für die Historizität eines Ortes elektrisiert haben. Beispielhaft hierfür seien eine Reihe von Arbeiten genannt, die dies in besonderem Maße erläutern können.

Die Arbeit ‚Stratificazioni’ fand ihren Platz in einer Seitenkapelle einer Kirche in Italien. Der Fußboden war teilweise entfernt worden, darunter wurde der Sand des Baugrundes sichtbar, Knochen einer ehemaligen, verschütteten Grabanlage kamen zum Vorschein. Pfeiffer setzte darüber partiell einen Ziegelboden, der von zahlreichen Kunststofffäden gehalten wurde, die an einem Punkt an der Schnittstelle zwischen Wand und Decke befestigt waren. Abdeckung und Aufdeckung gleichzeitig, wirkt dieser artifizielle Zwischenboden wie eine beschützende Decke, die den Blick nicht voyeurhaft, sondern eher behutsam auf das Darunter, auf die Geschichte des Otes mit seinen verschiedenen Sedimenten lenkt. Die Wschwere des Bodens wird in dieser Arbeit beihahe vollkommen aufgehoben, die ienzelnen Haltefäden zeigen die immateriell wirkende Dynamik der Kraftlinien auf, die in einem einzelnen, statisch wirksamen Pounkt zusammenlaufen. Das diffizile Gleichgewicht von Schweben und Lasten erläutert sozusagen auf einem Umweg die statischen Verhältnisse der Kirche selbst, die in mittelalterlichen Bauten oftmals allein von der Vision des Baumeisters getragen wurden, ohne exakte Möglichkeiten zur Berechnung zu haben. Die hinter dem Fadenbündel liegenden Wandfresken werden durch dieses ebenfalls beeinblusst: Wie durch einen Schleier können sie nurmehr warhgenommen werden, werden quasi dem direkten Blickt des Betrachters entrückt. Pfeiffer spricht damit die Rezeption des Betrachters an, betont den Abstand, der sowohl eine geistige wie mazterielle Nähe zu den Schöpfern der Fresken aus vergangenen Jahrhunderten betont. Die Jahrhunderte sind nicht spurlos an Architektur und Malerie vorübergegangen: Mit den Lebensumständen der Menschen, mit den Veränderungen im sozialen und politischen Gefüge sind Veränderungen in der Sehweise einhergegangen, die Architektur und Malerei selbst verändert haben, ihren Stellewert wie ihre Anschauung. Immer wieder ist Geschichte das Thema des Künstlers, eine Geschichte, die Natur und Mensch einschließt. Ein Baumstamm, seiner Seitenäste entkleidet, verkohlt und in handliche Stücke geschnitten, richtet sich ein letztes Mal auf, verklammert an einer Treppenhauswand. Hier wird die Natur zum Monument ihrer selbst. Was für den Menschen nutzbarer Rohstoff ist (Holz, Kohle) ist eingebunden in einen Kreislauf der Natur – die Änderung des Aggregatzustandes bedingt einen zeitlichen Ablauf, dem auch der Mensch unterworfen ist. Gleizeitig illustriert der Baumstamme eine ursprüngliche, simple Statik, die auf erste Erfahrungswerte des Menschen mit eigenen Behausungen hinweist; gerade in einem Treppenhaus ein schöner Verweis auf die Wurzeln menschlicher Erfahrung und auf ihr Fortschreiten. Auch die Arbeit Sichtverlust an der Kirche St. Peter in Bad Waldsee thematisiert Erfahrung und Vergänglichkeit; wie Pfähle im Fleisch der Architektur stecken die verkohlten Baumstämme zwischen den Wänden, verbinden und stützen die Architektur gleichsam im Vorgriff auf deren Verfall.

Johannes Pfeiffers Materialien sind denkbar einfach und entsprechen wiederum grundlegenden Erfahrungen des Menschen in seiner Geschichte. Ziegel als Baumaterial gehört zu den ältesten verwandten Materialien. Aus Feuer und Lehm entsteht ein harter, naturnaher Baustoff, der noch heute behnahe überall auf der Welt Verwendung findet. Holz gehört naturgemäß zu den ersten Baustoffen, die Holzkohle spendet Energie und gibt etwa Material zu den ersten Höhlenzeichnungen. Als Spender von Kultur und im gleichen Atemzug zu deren Vernichtung (etwa im Scheiterhaufen) genutzt, kommt dem Holz in der Geschichte der Menschheit damit ebenfalls ein besonderer Stellenwert zu.

Pfeiffer geht den Dingen auf den Grund, führt sie zurück auf Anfänge, die kein Ende zu haben scheinen. Indem er Geschichte ent-deckt, verweist er auf deren Beständigkeit, auf unseren aktuellen Platz auf einem winzigen Boot in einem breiten Fluss, dessen Lauf wir aus unserer Postition heraus kaum zu steuern in der Lage sind. Wie beeinflusst Geschichte unser Leben, unsere Zivilisation, unsere Kunst, wo liegen die Voraussetzungen und wie verändert sich unsere Anschauung? In einer Arbeit im italienischen Kulturinstitut im Gebäude der italienischen Botschaft in Berlin 1998 hat Pfeiffer den Putz von den Wänden geschlagen und den Wandaufbau aus Ziegeln sichtbar gemacht. Diese Stellen wurden wurden von kostbaren Rahmen des 15. und 16. Jahrhunderts hervorgehoben. In diesem Fall wird Geschichte greifbar, der Zugriff ist einem jedoch durch die Achtungszone des Rahmens verwehrt. Als Metapher steht die Beschädigung und Freilegung für den Willen des Menschen, sich seiner selbst bewusst zu werden. Als Akt denkbar simpel, steht doch ein komplexer Gedanke hinter dieser Arbeit, der den Arbeiten Pfeiffers insgesamt zu eigen ist: Der Gedanke der Freiheit, die in der Reflektion über das Wesen der Dinge, über das Bewusstmachen der eigenen Geschichte zu erreichen ist. ‚Das Große Schweigen’ war eine Installation im Hospitalkeller des Klosters Eberbach im Rheingau. Vierzig geschälte und vom Splintholz befreite Baumstämme wurden in das Dunkel gestellt und mit Schwarzlicht angestrahlt. Die Holzoberfläche der verwendeten Robinie ist schwach fluoreszierend und so schienen die Bäume beinahe geisterhaft in der Dunkelheit auf. Zisterzienserklöster wie Eberbach wurden stets an abgelegenen Orten errichtet und die Rodung einer Lichtung war für die Errichtung der Bauten nötig. Pfeiffer hat 800 Jahre nach Gründung des klosters die Handlung nachvollzogen und dem umbauten Raum die Bäume als Erscheinung temporär zurückgegeben. Oft ist man versucht, sich die Landschaft oder Ortschaften vorzustellen, wie sie vor Jahrhunderten wohl ausgesehen haben mögen. Pfeiffer blendet mit seinen Arbeiten Vergangenheit und Gegewayrt uzusammen und läßt uns so teilhaben am jeweiligen genius loci, der Historizität bündelt und dabei die Zeiten überspringt. Darüber hinasu verfolgt er mit sensiblem Gespür Ansätze, die geeignet sind, den Betrachter mit seinen eigenen Erwartungen, seinem Bewusstsein zu konfrontieren, um ihn so zu stimulieren, über sich selbst zu reflektieren.

Zwei Ziegelwände stehen auf einer Wiese. Sie scheinen aufeinander zuzustürzen, gehalten nur von dünnen, transparenten Fäden, die jeden einelnen Ziegel mit einem weit zurückliegenden statischen Zentrum verbinden. Jede Veränderung dieser Verankerung lässt das fragile Gefüge eine andere Position einnehmen, vielleicht sogar umstürzen. In diesem dynamischen Prozess liegt jedoch nicht nur eine Gefährdung der Situation, sondern auch die Chance zu Veränderung, zur Einnahme eines anderen Blickwinkels. Vielleicht sind wir alle aufgefordert, die Freiheit zu entdecken, diesen Anker in uns selbst zu lösen. Dr.